Uwe Kopfs Trauerfeier: Ein grauer Tag in Hamburg, der sich golden anfühlte

Hamburg im Winter. U-Bahnhof Kellinghusenstraße auf dem Weg zu Uwes Trauerfeier. Ich mag dieses Grau nicht. Uwe dagegen liebte die vier Jahreszeiten © Oliver Flesch
Hamburg im Winter. U-Bahnhof Kellinghusenstraße auf dem Weg zu Uwes Trauerfeier. Ich mag dieses Grau nicht. Uwe dagegen liebte die vier Jahreszeiten
© Oliver Flesch

Bist du extra aus Spanien gekommen?“, fragt Helge. Womit sich die Reise zu Uwe Kopfs Trauerfeier bereits gelohnt hat, bevor ihr eigentlicher Anlass begann. Helge Timmerberg, Marc Fischer und Uwe Kopf  waren meine Helden der Neunzigerjahre. Nur Helge, der älteste, lebt noch. Von mir verehrt zu werden, scheint kein gutes Omen zu sein. Aber gut, Achtzig oder Neunzig werden in der Regel ja eh nur Männer, die vom Rock ‘n‘ Roll nie geliebt wurden. (Minus William S. Burroughs.) Oder Jungs wie Bret Easton Ellis oder Benjamin von Stuckrad-Barre, die irgendwann die Reißleine zogen und sich seitdem durchs Leben langweilen.
Ein Leben in Maßen, das lehnte Uwe Kopf ab. Er wollte nie wie seine Mutter werden.

Gibt Leute, die labern, und es gibt Leute, über die wird gelabert. Ich gehöre wohl zur zweiten Kategorie. Als ich 2005 von Hamburg nach Mailand zog, hörte ich, dass ich vor der „Türstehermafia“ geflüchtet sei. Das amüsierte mich. Schließlich kam ich mit den Jungs an der Tür stets gut klar und von einer „Türstehermafia“ hatte ich noch nie gehört. Auch mein Umzug von Hamburg nach Berlin war 2009 ein großes Thema in den sozialen Medien. Den Grund meiner Übersiedlung nach Mallorca im vorletzten Jahr erfuhr ich ebenfalls auf Facebook: Wieder eine Flucht, diesmal vor der „deutschen Justizbehörden“.
Es gibt auf Mallorca tatsächlich viele solcher Fälle. „Ich habe zehn Jahre Mallorca“, bedeutet auf der Insel: Ich muss mich zehn Jahre verstecken, bevor meine Straftat in Deutschland verjährt ist. Damit kann ich nicht dienen. Bei mir war’s einzig das Wetter, das mich aus meinem Heimatland vertrieb. Dass es in meinem Städtchen nur eine Dönerbude gibt (die von einem türkischen Kumpel betrieben wird), ich nur alle paar Wochen den Anblick eines Kopftuches ertragen muss, war kein Grund. Nur ein Bonus, der mir erst bewusst wurde, als ich längst hier war.
Richtig ist allerdings, dass ich einen Strafbefehl über 1500 Euro offen hatte, als ich Deutschland verließ. Einer Schlägerei wegen. Ich hätte vor Gericht gern weitergekämpft, ich sah mich ja im Recht, die waren zu dritt, ich war allein, aber es kam gar nicht erst zu einer Verhandlung.

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„Baby, das war’s!“

Meinem Freund Uwe Kopf, wie man so sagt, die letzte Ehre zu erweisen, war also eine nicht ganz risikolose Reise. Odette, mein Mädchen, befürchtete, dass ich verhaftet werden würde. Natürlich, das ist als Frau ihr Job. Doch mein Nachbar meinte: „Mach dir keine Sorgen, ich fliege seit zwei Jahren mit einem offenen Haftbefehl hin und her.“
Große Sorgen machte ich mir eh nicht. Gefährlich hätte es nur werden können, wenn mich einer der zahlreichen Flesch-Hasser verpfiffen hätte. Aber selbst für den Fall hatte ich einen Plan B. Denn eines war klar: ich MUSSTE zu Uwe Trauerfeier fliegen. Das war ich ihm schuldig. Dennoch erzählte ich nur guten Leuten von meinem Plan.

Friedhof Olsdorf, Kapelle 13, Freitag gegen 15 Uhr 30.
Bei Helge Timmerberg war ich mir nie so ganz sicher, ob er überhaupt weiß, wer ich bin. Um einem peinlichen Moment vorzubeugen, stellte ich mich also alle paar Jahre aufs Neue vor: Ich bin der und der, wir kennen uns von da und da. Dazu kam es diesmal nicht. Ich setzte mich in die letzte Reihe, Helge saß eine Reihe vor mir neben seinem guten Freund, dem B.Z.-Chefredakteur Peter Huth. Seine Frage, ob ich extra Uwe wegen aus Spanien gekommen wäre, begleitete er, der selbst extra aus Wien kam, mit einem anerkennenden Lächeln. Das war ein großer Moment für mich. Ein weiterer von so vielen, die ich Uwe zu verdanken habe.
„The Healing Has Begun“, ein Van Morrisson-Lied erklingt. Ein sehr schönes, nur leider viel zu leise. Einer von Uwes ältesten Freunden tritt vors Mikrophon. Über Tote nur Gutes? Nein. Das hätte nicht zu Uwe gepasst. Über Uwe nur Ehrliches, das war die Quintessenz, die sich durch alle vier Trauerreden zog. Der Mann sprach herrlich anekdotenhaft über seine Freundschaft zu Uwe. Ein Kasten Bier reichte den Beiden zwei Tage. Zur Sicherheit hatte er aber immer noch einen Ersatzkasten im Kofferraum seines Wagens gebunkert, den er des Öfteren rausholte; aber er sprach auch schonungslos offen über den „Alkohol, der Uwe letztendlich das Leben kostete“, den er aber nicht aus Jux und Tollerei trank, sondern weil er Angst hatte. Vor dem Leben. Vor dem Tod.

Wieder Van, diesmal „Someone Like You“. Nun spricht Egon-Erwin-Kisch-Preisträger Christoph Scheuring über das, was so viele von uns an Uwe so sehr liebten, seine Sprache. Ich kenne Scheurings Werk nicht gut, aber eines muss ich ihm lassen: er hat Eier, dick wie Tennisbälle. Vor lauter Uwe-Fans – und dann noch auf Uwes Trauerfeier – zu sagen, dass er beinahe grundsätzlich anderer Meinung war, wenn es um die deutsche Sprache ging, da gehört schon Mut zu. Sicherlich kann man drüber streiten, ob der Papst immer der Papst genannt werden MUSS, und NIEMALS der Heilige Vater genannt werden darf, aber als Scheuring behauptete, dass Uwe die Regeln des Dudens selbst dann noch befolgte, wenn die Sprache bereits „knirschte und knarrte“, war ich raus. Ich habe von Uwe zumindest noch nichts gelesen, das „knirschte und knarrte“. Eher das genaue Gegenteil.
Aber er fing mich wieder ein, der Christoph Scheuring. Spätestens als er auf Uwes Kompromisslosigkeit zu sprechen kam, die ihm einen Auftraggeber nach dem nächsten verlieren ließ, und wie traurig es ist, dass die Printmedien Uwe nicht so nehmen konnten, wie Uwe eben funktionierte, war ich wieder bei ihm.

Franz Josef Degenhardt singt noch einmal seinen „Weintrinker“ für Uwe. Andrea, eine frühere feste Freundin, berichtet aus Uwes Liebesleben. Dass er gern mal vergaß seiner Freundin zu erzählen, dass er eine neue hatte zum Beispiel. Das hätte ein guter Schmunzler werden können. Aber es wurde mit so viel Bitterkeit vorgetragen, dass es klang, wie es bei Licht betrachtet ja auch war: bitter.
Glücklicherweise besann sich Andrea darauf, dass Uwe hier nicht vor Gericht steht. Sie erzählte, dass Frauen, die Uwe einmal liebte, nie so ganz aus seinem Leben verschwanden. Das zeichnet ihn aus. (Meine Frauen sind ja irgendwann eher froh, wenn sie mich für immer los sind.) Auch der Rest ihrer Rede klang versöhnlich und würdevoll. (Gut, das Ende hätte sie sich schenken können. Aber das gehört nicht hierher, das sollen die Mädels mal schön unter sich ausmachen.)

Lou Reeds „Hello It’s Me“ läutet die Worte des früheren TEMPO-Kriegsreporters und heutigen Heilers Ottmar Jenner ein. Vielleicht die wichtigste Rede, da die tröstlichste.
Ottmar macht uns bewusst, dass so viele Menschen unter schrecklichen Schmerzen sterben, dabei oft auch noch ganz allein sind. Uwe dagegen starb schnell und kraftvoll und wurde dabei von geliebten Menschen begleitet.
Leonard Cohen. Hallelujah.
The End.
Draußen vor der Tür das graue Deutschland im Winter, vor dem ich geflüchtet war. In meinem Kopf setzt sich dank der Reden das bruchstückhafte Bild, das ich von Uwe hatte, zu einem heilen zusammen. Ich schäme mich für manche Dinge, die ich ihm schrieb, weil ich es nicht besser wusste. Weinend falle ich ausgerechnet Peter Huth, mit dem ich mich im letzten Jahr auf Facebook bis aufs Blut gefetzt hatte, um den Hals. Es ist eh alles anders im wahren Leben. Sind mehrere Menschen hier, die ich in der virtuellen Welt schroff behandelt habe. Nun, wo sie vor mir stehen und lächeln, weiß ich gar nicht mehr, was das sollte.

Der Leichenschmaus. („Nein danke, für mich nicht, ich habe keinen Hunger.“) Im Restaurant „XIV Heilige“ am Hansaplatz in St. Georg. An diese Gegend habe ich keine guten Erinnerungen. Von hier nahm ich in meiner harten Zeit erst Heroin-, später Crackhuren mit nach Hause oder kaufte mir manchmal sogar selbst ein Päckchen Heroin, weil ich den Kokainabsturz ablehnte und ihm mit dem braunen Gift austricksen wollte.
„Kein gutes Plätzchen, oder, Helge?“ Helge grinst.
Dennoch fühle ich mich wohl. Lauter gute Leute hier. Gute Gespräche. Ein paar möchte ich erwähnen: Natürlich Birgit Fuß, Uwes letzte große Liebe, meine alten Kumpels Alexander Geilhaupt und Sven Heuchert, der feine Kerl Patrick Ueberle, Arne Willander vom ROLLING STONE, der Fotograf Oliver Schulz-Berndt und FACES-Chefredakteur Patrick Pierazzoli.
„Weißt du, was Uwe über dich sagte? Willst du das wissen?“, fragt mich der frühere TEMPO-Illustrator Moritz Reichelt. Oh Gott! Wenn er schon fragt, ob ich es wissen will, kann es ja nix Gutes sein.
„Der fickt mehr als wir!“ Puh. Glück gehabt. Aber stimmt das überhaupt? Keine Ahnung. Vielleicht heute, ja, aber das muss sein: „Ficken für Uwe!“ Das hatte ich mir vorgenommen. Danke, Stella.

 © Oliver Flesch
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5 Comments

  • Danke Stella 😉

    Der Tod ist ein alter Bekannter geworden. In meinem Job kein Wunder. Und im Leben welches über die Mitte hinaus geht, sowieso.
    Am selben Tag, wie Uwe starb jemand in meiner Familie und vor ein paar Tagen eine junge Patientin, der ich riet, noch eine Reise zu planen.
    Sie kam nicht mehr dazu sie anzutreten, weil ihre letzte schon gebucht war.

    Udo Jürgens sagte mal über dieses Thema : “ Die Einschläge kommen immer näher.“
    Soweit bin ich noch nicht. Obwohl ich schon in der Jugend die Einschläge ganz nah vernahm.
    Man lebt sein Leben, ich lebe mein Leben glücklich. Wie krank die Welt um einen herum auch manchmal erscheint und ist.
    Ich bleibe hoffnungsvoll und froh am Leben zu sein. :-)

    • „Das Leben ist wirklich sehr schön, es ist nicht diese hässliche Sache, die wir daraus gemacht haben.“

      Jiddu Krishnamurti

  • Du bist ein wirklich trauriger Mann. Jede Gelegenheit nutzend für Deine jämmerliche Selbstdarstellung. Und sag mal was macht dr Geilhaupt denn da? Auch alter Kollge von Kopf? So von Netzaktivist zu Netzaktivist.. ??

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