Endlich erlöst – Ein paar Zeilen zum Tod von Gunter Gabriel

GUNTER GABRIEL - NCHRUF

Vor über 70 Jahren trottete Günter Caspelherr hinter dem Sarg seiner Mutter her. Da war er gerade mal vier Jahre alt. Vielleicht das mieseste Alter um seine Mutter zu verlieren – du bist zu alt, ums zu vergessen, du bist zu jung, ums zu verarbeiten. Es blieb die erste und die letzte Erinnerung an seine Mutter.
Mit ihrem Tod verlor Günter so viel mehr als einen Menschen, der ihn in den Arm nimmt, ihn auch mal lobt, ihm sagt, dass alles wieder gut werden wird oder ihm nasse Tücher um die Waden wickelt, weil er Fieber hat, er verlor sein Urvertrauen.
Der Vater konnte es nicht wieder aufbauen. Ganz im Gegenteil, er setzte den Vertrauensvernichtungsfeldzug nahtlos fort, indem er seinen Sohn jahrelang verprügelte. Wieder und wieder peitschte Vaters Gürtel über Günters Rücken bis die Haut aufplatzte und das Blut spritzte. Das ging solange, bis Günter groß und stark genug war, sich zu wehren.
Als Vater eines Nachmittags auf einer kleinen Hausparty intime Einträge aus Günters Tagebuch vorlas, sich auch noch über ihn lustig machte, schlug der ihn halbtot.
Da war er 16.

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„Baby, das war’s!“

Was soll aus so einem Jungen werden? Nicht mehr viel. Ganz egal, ob Verbrecher, Mitteklassemensch oder Superstar, Menschen, denen in der Kindheit so viel Schrecken wiederfuhr, sind erledigt. Sie wissen es nur oft nicht. Was gut ist, sonst würden sie sich umbringen. Stattdessen begeben sie sich auf eine Suche, die aussichtsloser ist, als die Suche nach dem Bernsteinzimmer.
Es ist die Suche nach dem verlorengegangenen Urvertrauen. Die Sehnsucht danach ist so groß, dass sie fortan das Leben dieser Menschen bestimmt. Und selbst wenn sie eine Frau gefunden haben, die das Kunststück vollbringt, sowohl große Liebe, als auch beste Freundin, Hure im Bett (natürlich) und eben auch noch Mutterersatz zu sein, sind sie nur für eine kurze Weile erlöst.
Die Angst, diese Frau wieder zu verlieren, lässt diese Männer Dinge tun, die sie lieber hätten bleiben lassen.
Willkommen in der Welt des Gunter Gabriel.

Als junger Reporter der Hamburger Morgenpost konnte ich eine Zeit lang machen, was ich wollte. Sogar ein Interview mit Gunter Gabriel. Was damals, im Mai 1996, wenn man nicht gerade für ein Obdachlosenmagazin schrieb, eher ungewöhnlich war. Doch genau das reizte mich. Ich wollte wissen, wie ein Mensch, der einmal so erfolgreich gewesen war, so dermaßen abstürzen konnte. Aber erst einmal musste ich an ihn herankommen. Nur wie? Ein Management gab’s nicht, eine Plattenfirma schon gar nicht. Irgendwie gelangte ich aber an seine private Handynummer, und wir verabredeten uns auf seinen Wunsch in einer Kneipe im Hamburger Dammtorbahnhof für den nächsten Morgen. Nun war alles klar. All meine Vorurteile schienen bestätigt: Wer sich frühmorgens in einer Bahnhofskneipe verabredet, nimmt sein Frühstück flüssig zu sich.

Der nächste Morgen. Ich hatte gerade wieder eine von diesen „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“-Fassbinder-Nächten hinter mir und war also in genau der richtigen Verfassung für ein Interview mit Gunter Gabriel. In der Kneipe roch’ s nach frischen Buletten und kaltem Zigarettenrauch. Am Tresen saß lediglich ein einsamer Mann mit dem Rücken zu mir. Ein Bier in der Hand und eine Roth Händle zwischen den Lippen. Er sprach ziemlich wirres Zeug, zu wem auch immer.
Ich war geschockt: So weit war es also mit dem großen Gunter Gabriel gekommen. Oh, Mann. Es bestätigte tatsächlich das Klischee, das man landauf und landab zu der Zeit von ihm hatte.

Doch ich sollte mich irren. Denn plötzlich spürte ich eine riesige Pranke auf meiner Schulter. Ich drehte mich um – und da stand er: Mr. White Trash höchstpersönlich! Haare wirr, unrasiert, weißroter Jogginganzug, der zu klein geraten war, die Hose selbstverständlich in die obligatorischen, uralten Cowboystiefel gesteckt – ein Bild für die Götter des guten Geschmacks.
Aber: Wacher Blick, ein offenes und herzliches Lachen, komplett gut drauf und das am frühen Morgen. Für mich, der ich noch von der letzten Nacht geschädigt war, fast unerträglich. Aber so war es eben. Der Junge hatte, im Gegensatz zu mir, keinen Tropfen Alkohol im Blut.

„Hey, bist Du Oliver Flesch von der Morgenpost?“

„Richtig! ´Nen schönen guten Morgen, Herr Gabriel!“

„Vergiss das „Herr“. Ich heiße Gunter, ich bin ein „Du-Mann“.

„Okay, Mann. Also Gunter.“

„Du siehst verdammt beschissen aus, Oliver! Nicht gepennt?“

„Äh …“

„Ja komm, mir brauchste nichts zu erzählen! – Maria, mach diesem Arschloch mal ’nen frisch gepressten Orangensaft, damit er wieder auf Touren kommt!“

Wir verstanden uns prächtig, wie man sich denken kann. Er erzählte aus seinem Leben. Es erinnerte mich ein wenig an mein eigenes. Diese Höhen, diese Tiefen, diese Brüche. Nur eben alles in einem biblischen Ausmaß. Und er erzählte nicht nur. Er hörte auch zu. Und genau wie ich stand er auf Rock ’n’ Roll und Country; liebte Elvis und Johnny Cash. Wir nahmen uns einiges vor. Wollten gemeinsam Songs schreiben. Aber irgendwie wurde daraus nichts. Wir verloren uns aus den Augen. Zehn Jahre später erinnerte ich mich an den Mann, der mir einen Morgen lang in dieser Bahnhofskneipe eine Art Freund war. Ich führte inzwischen eine schmutzige Rock ’n’ Roll-Bar namens King Calavera auf dem Hamburger Kiez und hatte ihn für ein Konzert gebucht.

Es war kurz nach Mitternacht. In der vollkommen überfüllten Bar, abseits der Hamburger Reeperbahn, war’s unerträglich heiß. Und mitten in der johlenden Menge sang sich genau dieser verdammt geile Gabriel seit fast drei Stunden die Seele aus dem Leib. Ohne Punkt und ohne Pausen. Die jungen Menschen klebten draußen an den Fensterscheiben, weil schon lange niemand mehr in den Club passte und auch niemand hinaus wollte. Einige rissen sich vor Begeisterung die T-Shirts vom Leib. Eine alte Frau schrie: „Komm unter meine Decke!“
Jeder spürte, dass hier gerade etwas ganz Besonderes geboten wurde. Sie starrten den Musiker ungläubig an. Ist er es wirklich? Ja, er ist es!

Einige Tage später beichtete mir Gabriel, dass er bei dieser Nonstop-Performance einem Herzinfarkt nahe gewesen war. Aber die Woge der Begeisterung hatte ihn immer weiter getrieben, bis die Polizei kam und die Veranstaltung wegen ruhestörenden Lärms zwangsweise beendete. Vielleicht war das Gunters Rettung vorm totalen Knock-Out. Aber er hat allen bewiesen: Er hat’s immer noch drauf.

Am nächsten Abend besuchte ich ihn auf seinem Hausboot im Harburger Hafen. Spätestens seit der 3er-CD-Box „Liebe, Autos, Abenteuer“, auf der 60 verschiedene Punk- & Ska-Bands ihrem Helden Tribut zollten, war Gunter zu einer Kultfigur der Subkultur geworden. Und er genoss seine neu gewonnene Popularität. Was blieb dem Ur-Punk auch anderes übrig? Gerade wurde ihm der Strom abgedreht. Der Kassandra-Prophet von Hartz IV ist mal wieder pleite, und damit ging’s ihm nicht viel anders als den meisten seiner jungen Fans. In eine dicke Jacke gehüllt, saß er bei Kerzenlicht an seinem ausladenden Wohnzimmertisch vor einem dampfenden Becher schwarzen Tees und erzählte und lachte und telefonierte und rauchte und versprühte dabei mehr Energie als ein mittelgroßes Kohlekraftwerk. Immer wieder griff er zwischendurch zur Gitarre, sang Songs von Johnny Cash oder Elvis oder auch was eigenes. Und plötzlich, völlig aus dem Zusammenhang: „Der Streit mit der GEMA ist beigelegt, es wird wieder Kohle fließen“, Das waren doch mal gute Nachrichten!
„Aber weißte was? Damals, in den Siebzigern, mit all den Millionen, fühlte ich mich nicht besser, kein Stück. Heute bin ich glücklicher. Obwohl: Glück? Was ist das überhaupt? Irgendwie suche ich immer noch danach.“
Es war dieser letzte Satz, der mich dazu brachte, Gabriels Leben mit seiner Hilfe aufzuschreiben.

Wir hatten uns viel vorgenommen, Gunter, sein damaliger Manager Werner von Molke und ich. Werner war eine große Nummer im Musikgeschäft und riss mal eben bei der WEA (Warner Brothers) einen gutdotierten Plattenvertrag für Gunter auf. Nach über 20 Jahren, in denen er keinen ernstzunehmenden Vertrag mehr hatte. Es sollte eine triumphale Rückkehr werden. Neue Platte, die Biographie. Ähnlich wie das Comeback Udo Lindenbergs ein paar Jahre zuvor. Schließlich war Gunter in Sprache und vor allem in den Themen seiner Lieder mindestens so fortschrittlich wie Udo. Doch wir sind gescheitert. Ohne die Hilfe der Presse war es in den Nullerjahren schwer und im Gegensatz zu Udo war Gunter nie ein Liebling der Medien. Er war ein einfacher Mann, ein Patriot noch dazu, der für die „kleinen Leute“ sang und auch, wenn sie es nie zugeben würden: Die Medien verachten die kleinen Leute; Patrioten sowieso.
Aber ich will die Schuld nicht nur anderen geben, vielleicht war das Album auch einfach nicht gut genug.

Die Arbeit an Gunters Biographie war, zurückhaltend formuliert, höllisch. Das ging schon damit los, dass er zwar Bock auf eine gut Bio hatte, aber überhaupt keinen Bock auf die Arbeit, die das Schreiben eines Buches mit sich bringt. Das hatte nichts mit Faulheit zu tun, Gunter war zu unruhig, zu getrieben, um sich über Stunden, Tage, Wochen auf eine Arbeit zu konzentrieren.
Vor mir hatten bereits zwei Autoren aufgegeben. Oder drei, ich weiß es nicht mehr genau. Die Arbeit beginnt normalerweise so: Autor interviewt den Protagonisten. Bei Gunter begann sie mit einem „Hier!“
Im ganzen Satz: „Hier, du Arschloch, kuck mal, was du davon gebrauchen kannst!“ Er schmiss mir zwei (oder drei, ich weiß es nicht mehr genau) Interviewmanuskripte der Kollegen, die das Handtuch geschmissen hatten, auf den Schreibtisch. Ein denkbar ungünstiger Beginn. Erschwerend kam hinzu, dass er in den Interviews mit meinen Vorgängern manche Geschichten unterschiedlich darstellte.
Es fühlte sich an, als müsste ich die Klamotten meines großen Bruders auftragen, dabei hätte ich doch viel lieber nigelnagelneue gehabt. Ich versuchte das Beste draus zu machen. Wir haben damals viel Zeit miteinander verbracht, fuhren zusammen auf Konzerte, zu entscheidenden Orten seines Lebens, besuchten Menschen, die wichtig für ihn waren, ich wohnte sogar ein paar Wochen auf seinem Hausboot und jede freie Minute nutzte ich um Lücken zu schließen und Unklarheiten aufzuklären. Mit dem Ergebnis, dass er Geschichten von denen ich bereits zwei, drei Versionen kannte, um eine weitere, völlig neue, Version ergänzte. Er war kein Schwätzer aus Böswilligkeit – die Erinnerung ist halt oft eine Fotze. Ein Beispiel:
„Ich will A Boy Named Sue auf Deutsch aufnehmen“, sagte Gunter.
„Da gibt es bereits eine glänzende Übersetzung von Mike Krüger“, erwiderte ich.
„Die ist scheiße! Ich schreib meine eigene!“
„Okaaay.“
Nur zwei Wochen später:
„Ich spiel morgen  A Boy Named Sue ein.“
„Cool.“
„Und weißte, welche Fassung?“
„Na?“
„Die von Mike Krüger! Kennste?“
„Hab ich schon mal gehört, Gunter, ja.“
„Die ist echt gut!“
Am Ende schrieb er doch seine eigene Fassung. Das war Gunter.

Gab noch ein Problem. Gunter gehört zu diesen Menschen, die (oft irrigerweise) annehmen, alles selbst am besten zu können. Das ging schon bei so profanen Dingen wie dem Anfängen von Wäsche los: „SO hängt man doch keine Wäsche auf, Olli! Lass mich das mal machen.“
Auch das Buch hätte er am liebsten selbst geschrieben, „aber leider habe ich dafür keine Zeit!“ Das war natürlich Quatsch. Er hatte genug Zeit. Er wäre bestimmt auch talentiert genug gewesen, ihm fehlte einzig die nötige Disziplin.

GUNTER GBRIEL - NACHRUF
Das war alles nicht sonderlich motivierend und so wurde die Arbeit am Buch ein quälender Prozess, der bestimmt über ein Jahr ging und sich in Gunters Nachwort so liest: Sich über Monate mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, die neben gleißendem Licht auch dunkelste Schatten geworfen hat, tat in manchen Momenten weh. Der frühe Tod meiner Mutter, mein unbarmherziger Vater, die vielen lieben Menschen, die ich im Laufe der Jahre verlor. Doch nichts schmerzte so sehr, wie die Erinnerung an meine letzte Begegnung mit meinem langjährigen Freund Johnny Cash.
Johnny war ein paar Jahre älter als ich, aber sein Tod machte selbst einem Verdrängungskünstler wie mir unmissverständlich klar: Die Einschläge kommen näher. Und das ist auch in Ordnung so. Ich hatte ein pralles Leben. Viel praller, als es ein einfacher Arbeiterjunge aus Bünde/Westfalen jemals erwarten durfte. Womit ich nicht sagen will, dass ich mit dem Leben abgeschlossen habe. Ganz und gar nicht. Ich habe noch einiges vor. Den perfekten Song zum Beispiel, den muss ich erst noch schreiben. Vom perfekten Album ganz zu schweigen. Dazu eine schöne Tour, durch alterwürdige Theater vielleicht, das wäre es. Kurz: Mit mir ist noch zu rechnen! Solange sich der Sargdeckel nicht über mir schließt, mache ich weiter. Ich kann gar nicht anders.

Als das Buch dann endlich draußen war, wurde es unter anderem in der FAZ besprochen. Es war eine  Doppelbesprechung, Westerhagens Biographie wurde vernichtet, Gunters gelobt. SMS von Gunter: „FAZ lobt! Da haben wir ja wohl doch gute Arbeit geleistet, du Arschloch!“
Ein paar Jahre später erzählte er in einer Fernsehsendung, er hätte das Buch mit einer Freundin in drei Wochen im Krankenhaus geschrieben.

2012 gelang ihm dann doch noch so eine Art Comeback. Neben Helen Schneider als June spielte er Johnny Cash auf ausverkauften Theatertourneen. Sein Wunsch hatte sich also erfüllt. Und endlich wurde Gunter auch vom Feuilleton beachtet, das hat ihm viel bedeutet.

Trotz all der Nerven, die mich dieser Mann gekostet hat, bin ich dankbar, so viel Zeit mit Gunter Gabriel verbracht zu haben. Als ich ihn kennenlernte, war ich unter 30, er etwa 55, und wenn du unter 30 bist, denkst du, dass Leben sei mit 40 vorbei. Spätestens. Gunter belehrte mich eines Besseren. Nichts muss vorbei sein, zu keiner Zeit, nicht in der Arbeit, nicht in der Liebe, nicht im Leben im Allgemeinen, wenn du, wie Gunter es stets ausdrückte, deinen Arsch in Bewegung hältst.

Danke für so vieles, du Arschloch!

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